ZUM MITTAG EINEN ERLESENEN SCHLUCK

Horst Flakowski war ein Geniesser und wusste den exzellenten Rotwein am Abend sehr wohl zu schätzen - im Gespräch mit einem guten Freund

Auch das Mittagsmahl wurde täglich mit einem erlesenen Schluck abgerundet: Ein eigens für das obligate Glas Sekt angeschafftes Kühlgerät im Wohnzimmer machte diesen Genuss möglich. Doch er war ein stiller Genießer, die lauten Töne lagen ihm zu Hause nicht. Wie passt das zu der energischen, manchmal gar schroffen Art, mit der Flakowski in der Öffentlichkeit auftrat?

Private Zurückhaltung einerseits und ein durchaus bestimmtes Auftreten andererseits müssen nicht unbedingt ein Widerspruch sein und vielleicht war ja auch die Scheu unter anderem Ergebnis der eigenen Biografie. Denn der durch und durch rechtschaffene Mann, der auch schon mal jemanden vor den Kopf stoßen konnte, der, wenn es um die Sache ging, auch nicht immer diplomatisch war und mehr als einmal mit dem Kopf durch die Wand wollte, hatte weiß Gott kein leichtes Leben.





 



DIE ANFÄNGE DES FAMILIENUNTERNEHMENS

In den zwanziger Jahren war das Kaufhaus Flakowski mit 33 Abteilungen das größte Haus am Platz
Kaufhausbegründer Alfred Flakowski

Am 4. März 1918 wurde Horst Flakowski in Brandenburg an der Havel geboren. Der verlorene Krieg, Inflation und Arbeitslosigkeit prägten die Zeit. Dennoch verlebte der Junge eine unbeschwerte Jugend. Der Vater, Alfred Flakowski, führte damals bereits recht erfolgreich ein Kaufhaus in der kleinen Stadt an der Havel. Wer war dieser Mann, Alfred Flakowski, der in weniger als zehn Jahren zu einem der erfolgreichsten Unternehmer der Region wurde? 

Wäre es nach dem Willen der Eltern gegangen, hätte Sohn Alfred, 1872 in Ostpreußen geboren, Büroangestellter werden sollen. Der Sohn konnte sich jedoch durchsetzen, suchte sich selbst eine Lehrstelle in einem Textilgeschäft in Preußisch - Holland in Westpreußen und erlernte hier den Beruf des Einzelhandelskaufmanns.

Erste berufliche Sporen erwarb er sich in verschiedenen Häusern der Branche unweit des heimatlichen Ortelsburg. Aber bald zog es Flakowski nach Berlin. Hier erreichte der ehrgeizige junge Mann im Kaufhaus Hirsch in Spandau schon den Posten eines Abteilungsleiters. Zuletzt war der mittlerweile Dreiunddreißigjährige erfolgreicher Einkäufer des Kaufhauses Jahndorf.

Der Traum von der Selbstständigkeit und dem eigenen Unternehmen freilich hatte ihn die ganzen Jahre über nicht losgelassen. Jetzt, im Jahre 1905, war es so weit.

Voller Optimismus und mit geliehenen 10.000 Mark erwarb er in der Hauptstraße 35/36 in Brandenburg (Havel) eines der Kaufhäuser des alteingesessenen Kaufhausbesitzers Herrmann Conitzer: ein stattliches viergeschossiges Gebäude, das erst ein paar Jahre zuvor nach einem Brand vollständig neu aufgebaut worden war, nun mit einer Verkaufsfläche von immerhin 2.400 Quadratmetern. Sogar einen Fahrstuhl gab es jetzt.

Anfängliche Schwierigkeiten waren rasch überwunden. Bald schon trugen fachliches Können und großes Engagement des jungen Unternehmers Früchte. Als Folge konnte das Warenangebot erheblich erweitert werden: Eine Lebensmittel-Abteilung kam hinzu, die Zahl der Mitarbeiter wuchs ständig. 1912 arbeiteten rund 100 Angestellte in der Hauptstraße.

Mitte der zwanziger Jahre zählte Alfred Flakowski zu den angesehensten Persönlichkeiten der Stadt, führte er doch zu dieser Zeit schon das größte Kaufhaus am Platz. Und wenn Vicco von Bülow, alias Loriot, in seiner eigenen Biografie erwähnt, dass sein Taufkleid selbstverständlich bei Flakowski erstanden worden sei, macht dies deutlich, welches Renommee das Kaufhaus bereits besaß.

Nicht nur in der Stadt genoss Alfred Flakowski hohes Ansehen. Auch in seinem eigenen Unternehmen wurde er als unumstrittenes Familienoberhaupt anerkannt.

Wenn er die breite Doppeltreppe im Foyer herunterkam, erzitterten die Mitarbeiter. Jedoch nicht vor Angst, sondern vor Bewunderung und - vor Ehrfurcht. Heiratete eine der Angestellten, also eine "Tochter des Hauses", war es selbstverständlich, dass Flakowski das Brautkleid bezahlte - so wie es sich eben für einen Brautvater gehört. Im Jahr 1917 hatte Flakowski in der Jacobstraße 12 ein größeres Haus für die Familie erstanden und ausgebaut. Hier wurden die beiden Söhne geboren: Horst im März 1918, der Bruder Dieter nur ein Jahr später im April. Horst, der Erstgeborene, besuchte zunächst das von Saldern-Gymnasium am Salzhofufer, später die Ritterakademie auf der Dominsel in Brandenburg. Das Wirtschaftsabitur legte er später in Berlin ab. Die nächste Station war die Handelsschule in Königsberg. Denn sein Ziel war es, eines Tages das Unternehmen seines Vaters zu übernehmen und weiterzuführen.

 



DER ZWEITE WELTKRIEG

Horst Flakowski 1943 im Alter von 25 Jahren als Soldat

Der zweite Weltkrieg machte Horst Flakowski mit seinen Zukunftsplänen zunächst einen Strich durch die Rechnung.

1939 wurde er eingezogen. Das bittere Ende des Krieges erlebte er - zuletzt im Rang eines Leutnants - in der Nähe von Berlin, wo er, wie viele andere auch, in aussichtloser Lage die Reichshauptstadt verteidigen sollte. Als am 8. Mai 1945 im Radio die bedingungslose Kapitulation verkündet wurde, machte sich der junge Wehrmachtsoffizier auf den Weg nach Hause, immer in der Furcht, von den Russen entdeckt zu werden.Bei Treuenbrietzen erhielt er unerwartet Hilfe: Dorfbewohner nahmen ihm Uniform und Wehrpass ab und statteten ihn mit ziviler Kleidung aus.

Ungehindert erreichte der 27- jährige schließlich seine Heimatstadt Brandenburg. Im August desselben Jahres musste sich Flakowski, wie alle ehemaligen deutschen Offiziere damals, bei der örtlichen russischen Kommandantur melden. Dort wurde er sofort festgenommen und zunächst in das Lager nach Brandenburg-Görden gebracht. Im November ging es weiter in die Sowjetunion, wo er zweieinhalb Jahre in einem Lager zwischen Moskau und Leningrad saß.

Erst Anfang 1948 kehrte Horst Flakowski mit schweren gesundheitlichen Schäden in seine Heimatstadt Brandenburg zurück. Mit seiner Behinderung hieß es nun ständig leben. Doch ließ er sich nie etwas davon anmerken.

Mehr als 50 Jahre später meldete sich eines Abends die Enkelin der hilfsbereiten Familie aus Rietz bei Treuenbrietzen bei Horst Flakowski. Sie hatte auf dem Dachboden des Elternhauses Uniform und Wehrpass des damaligen Soldaten gefunden und den Besitzer ausfindig gemacht - für Flakowski eine schmerzvolle Erinnerung an die Vergangenheit.

Sein Vater, Alfred Flakowski, war bereits 1942 gestorben. Dieter, der jüngere Bruder, wie Horst Flakowski Soldat, wurde seit Sommer 1944 vermisst. Das Kaufhaus hatte seit dem Tod des Vaters die Mutter gemeinsam mit der tüchtigen Geschäftsführerin Frau Böhmer recht erfolgreich weitergeführt.

DIE NACHKRIEGSZEIT

Ende der 1950er Jahre kehrt Flakowski nach Berlin zurück

Mit der Entlassung aus der Gefangenschaft übernahm Horst Flakowski die Leitung des Familienunternehmens in Brandenburg: kein einfaches Unterfangen in einer Zeit wachsender politischer Zwänge. 1953 hatte die staatliche Unterdrückung derart zugenommen, dass Flakowski fürchten musste, inhaftiert zu werden. Mit seiner Frau Eveline, die er 1949 geheiratet hatte, und mit den Kindern Kornelia und Mathias sowie der kranken Mutter verließ der 35-jährige bei Nacht und Nebel die Heimatstadt gen Westen. Damit ließ "der Klassenfeind" nicht nur das DDR-Regime, sondern auch sein väterliches Erbe hinter sich.

Die nun folgende berufliche Odyssee begann in Kaiserslautern. Der gelernte Kaufmann bekam dort eine Stellung im Hause Karstadt. Zwei Jahre hielt es die Flüchtlingsfamilie im Rheinland-Pfälzischen.

Dann hieß es wieder Koffer packen: Diesmal ging es nach West-Berlin, wo Flakowski abermals für die Karstadt AG tätig war und sich in der Filiale in Moabit sogar bis zum Geschäftsführer hocharbeiten konnte. Nächste Stationen waren Remscheid, Bremerhaven und erneut West-Berlin. Auch andere Kaufhäuser machten dem fähigen Mann Angebote. So leitete er unter anderem die Zentralverwaltung des Versandhauses Quelle und wechselte in den siebziger Jahren zur deutschen Niederlassung des amerikanischen Großkonzerns Ponds nach München.

Überschattet wurde sein berufliches Fortkommen von der Krankheit seiner Kinder. Der Sohn wie auch die Tochter litten an einer seltenen Erbkrankheit. Beide sollten diese nicht überleben. Sohn Mathias starb 1956, die Tochter Kornelia 1967. Von seiner ersten Frau trennte sich Horst Flakowski, heiratete wieder und zog mit seiner zweiten Frau Christa von München in das bayerischeGröbenzell. Von hier aus leitete er als Chef der Verkaufsplanung weiter die Geschäfte für das Kosmetikunternehmen Ponds aus Übersee - bis zu seiner Pensionierung.

Ein langes Glück sollte auch der zweiten Ehe nicht beschieden sein: Seine Frau Christa starb, gerade einmal 50-jährig, an Krebs. Die Nachricht vom Fall der Mauer am 9. November 1989 überraschte Horst Flakowski, mittlerweile pensioniert, in Gröbenzell. Den Kontakt zu seiner Heimatstadt hatte er nie verloren. Bald nach dem Fall der Mauer sah er die Chance, sein Familienerbe - das Kaufhaus des Vaters und die dazugehörigen Grundstücke - zurückzubekommen. Seine Hoffnung sollte sich erfüllen. Bereits 1991 erhielt der gebürtige Brandenburger - als einer der ersten - den früheren Besitz des Vaters zurück: "So schnell wie kein anderer", bestätigte ihm sein Anwalt.

Der Stifter ließ es sich nicht nehmen, die Schlussverhandlungen mit Vertretern der Treuhand persönlich zu führen - ohne Anwalt. Zu alt, um noch einmal selbst die Geschäfte zu übernehmen, verkaufte Flakowski ein Jahr später das Traditionshaus an die Karstadt AG. Andere finanziell attraktivere Angebote hatte er ausgeschlagen, in dem Bewusstsein, in dem Großkonzern einen Käufer gefunden zu haben, der das Haus in bewährter Tradition weiter führen werde.

Anlässlich der Wiedereröffnung des renovierten Kaufhauses ließ der damalige Karstadt- Direktor zu Ehren der Familie Flakowski am Eingang eine Gedenktafel anbringen: "An dieser Stelle befand sich das traditionsreiche Warenhaus Alfred Flakowski von 1905 bis zur Enteignung 1953. Übernahme durch die Karstadt Aktiengesellschaft 1992" war da zu lesen. Flakowskis Erwartungen sollten sich allerdings nicht erfüllen. Bereits drei Jahre später kehrte Karstadt der Stadt Brandenburg den Rücken und ließ ein leeres Haus in der Hauptstraße zurück.

Horst Flakowski erhielt den Gesamterlös aus dem Verkauf des Kaufhauses und der dazugehörigen Grundstücke: eine stolze Summe von zehn Millionen Mark. Nicht davon behielt der alte Herr für sich. Den gesamten Betrag stiftete er: die eine Hälfte für die Gründung eines SOS-Kinderdorfes in Brandenburg. Das war der Wunsch seiner zweiten Frau Christa gewesen. Aber auch ihm war dies ein besonderes Anliegen, in Erinnerung an seine beiden verstorbenen Kinder.





 



DIE GRÜNDUNG DER "ALFRED-FLAKOWSKI-STIFTUNG

1994 erhielt Horst Flakowski den erstmals vergebenen "Deutschen Stifterpreis"

Mit der anderen Hälfte des erlösten Betrags aus dem Kaufhaus-Verkauf richtete er eine gemeinnützige Stiftung ein, der er den Namen des Vaters gab: Alfred- Flakowski-Stiftung. Sie fördert vor allem soziale und medizinische Einrichtungen, wie Kindergärten und Kinderheime, Senioren-, Pflege- und Behindertenheime. Die Stiftung unterstützt ferner bedürftige Personen in Brandenburg und Umgebung, aber auch denkmalpflegerische, künstlerische und kulturelle Vorhaben. Flakowski erklärte seine Großzügigkeit so: "Mein Vater hat das Unternehmen in Brandenburg aufgebaut. Ich habe keine Frau und keine Kinder mehr. Was also liegt näher, als das Geld für gemeinnützige Zwecke in Brandenburg zu verwenden."

Am 17. Mai 1994 wurde Horst Flakowski mit dem erstmals vergebenen Deutschen Stifterpreis geehrt. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen würdigte, wie es hieß, mit dem Preis die "vorbildliche Initiative, Ansprüche aus Enteignungen der ehemaligen DDR für gemeinnützige Aufgaben in den neuen Bundesländern einzusetzen."

Anfang 1995 wurde "Flako", wie er von den Freunden genannt wurde, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Brandenburg verliehen. Noch vor einigen Jahren hatte er nach eigenen Worten nie damit gerechnet, derart in seiner Heimatstadt geehrt zu werden.

 



Die Flakowski-Geschichte zum Download
Porträt Horst Flakowski.pdf
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